Alexander Specht
Weißrussland
""Ich habe in Münster ganz neu angefangen."
Maurice Daja hat zwar einen Ausweiß mit seinem Geburtsdatum, aber wie alt er wirklich ist, weiß er nicht genau.

" Alexander Specht hat bis vor fünf Jahren in Kasachstan gelebt. Seine Familie war eine von den wenigen deutschen im Dorf Nikolaievka nahe der Stadt Rudnik. Sein Vater ist dort gestorben, seine Mutter und die übrigen Verwandten sind schon vor ihm nach Münster ausgesiedelt. Weil er seit einem Jahr keinen Lohn mehr erhalten hat, und sich das Nationalbewußtsein der Kasachen zunehmend steigert, ist er mit seiner Familie ebenfalls nach Deutschland gezogen. An Kasachstan, wo er mehr als vierzig Jahre gelebt hat, denkt Alexander Specht kaum noch. Deutschland soll seine neue Heimat werden.


Seine Enkel verbirngen die Ferien meistens bei ihm und seiner Frau


"Ich habe mit meiner Frau, meinen zwei Kindern und zwei Koffern in Deutschland ganz neu angefangen. Wir wohnen jetzt seit zwei Jahren in Münster, und ich möchte von hier nicht mehr weg. Aber es ist schwer." "Schon in Kasachstan war ich optimistisch, dass sich in Deutschland alles gut entwickeln wird. Nur anfangs hatte ich Angst wegen meiner schlechten Sprachkenntnisse, als ich auf den Ämtern viel erledigen musste. Ich wusste nicht, was man von mir wollte und konnte kaum Fragen stellen. Weil das sehr verunsichernd und unangenehm war, helfe ich jetzt Aussiedlern, die in Münster niemanden kennen. Ich gehe fast jeden Montag zum Sozialamt, dort treffen sie zuerst ein, und bin ihnen bei der Erledigung der Formalitäten behilflich."

Seit Alexander Specht als Spätaussiedler Kasachstan verlassen hat, hat sich seine Lebenssituation verbessert. Nur dass er nicht mehr seinen Beruf ausüben kann - er war Werksingenieur - bekümmert den 51-Jährigen. Ihm fehlen dafür das erforderliche Technikwissen und ausreichende Deutschkenntnisse. Auch eine zehnmonatige Berufsanpassung als Metallbauer hat ihm bei der Arbeitssuche nicht geholfen, und einen Deutschkurs für Fortgeschrittene erlaubt das gemeinsame Einkommen des Ehepaares nicht. Gegenwärtig arbeitet er halbtags in einem Jugendzentrum als Betreuer junger Aussiedler. Gerne würde er noch an einer Computerfortbildung teilnehmen, um als technischer Zeichner arbeiten zu können.



"Die Russlanddeutschen mit Hochschulabschluss in meinem Alter erhalten nicht besonders viel Unterstützung von der Stadt. Man darf einen Sprachkurs belegen und eine Berufsanpassungsmaßnahme machen, aber das war es dann. Ich habe zwar nicht mehr erwartet, aber ich denke, dass es noch mehr Möglichkeiten gibt." Ein deutsch-russisches Kulturzentrum in Münster - Alexander Specht überlegt diese Idee zu verwirklichen.



Mit einem selbstgebauten Schneemobil fahren die Männer aus dem Dorf im Winter bei meterhohem Schnee und Temparaturen bis minus vierzig Grad auf die Jagd.Alexander Specht(li.) 1978 mit einem Freund in der Region Kustanei.


"Ich versuche zur Zeit einen Chor oder eine Musikband zu gründen. Ich spiele selbst Saxophon, Trompete und Klarinette. Bisher weiß ich von etwa fünfzehn Leuten, die Lust haben zu singen und Musik zu machen. Aber wir benötigen noch einen Raum. Vielleicht sollte man einen Verein als Träger einer Begegnungsstätte gründen. Doch ich bräuchte dabei Hilfe und weiß nicht, an wen ich mich wenden kann. In Münster sind viele Russlanddeutsche. Deshalb wäre eine Einrichtung dieser Art sinnvoll."