Gregoria Torrecilla
Spanien
"Das ganze Leben ist völlig anders verlaufen, als wir anfangs dachten."


"Mitte nächsten Jahres gehen mein Mann und ich nach Spanien zurück. Ich möchte in Deutschland nicht als Rentnerin leben. Man trifft auf der Straße kaum einen Menschen. In Spanien ist das ganz anders. Da halten sich die Leute viel mehr draußen auf. Du gehst vor die Tür und kannst sofort mit jemandem reden. Man hilft sich gegenseitig. Ich glaube, dass ich mich in Deutschland einsam fühlen würde." Einerseits möchte Gregoria "Goy" Torrecilla ihren Lebensabend in ihrem Geburtsland Spanien verbringen, andererseits würde sie auch gerne in Deutschland bleiben, weil ihre einzige Tochter, die mit einem Deutschen verheiratet ist, in Berlin wohnt. Bereits 1962 ist Goy Torrecilla ihrem Mann nach Deutschland gefolgt, der elf Monate vor ihr Spanien verlassen hatte, um in Münster zu arbeiten.


Goy Torecilla mit ihrem
Mann Juan Pablo Hernando



"Die erste Zeit war sehr schwer. Ich bin ein Mensch, der Kontakt braucht. Aber ich konnte nicht Deutsch sprechen. Bei der Arbeit hatte ich damit kaum Probleme, aber beim Einkaufen oder anderen Erledigungen war es ein großes Hindernis. Ich konnte mit den Leuten nicht reden und verstand nicht, was sie sagten. Ich habe viel geweint, war traurig und deprimiert. In einem fremden Land zu sein, kein Wort zu verstehen und mit niemandem reden zu können, das war sehr bedrückend." Genügend Zeit die deutsche Sprache zu lernen, hatte Goy Torrecilla, wie die meisten anderen Gastarbeiter, nicht. Wie ihr Mann hat sie sehr viel gearbeitet, häufig auch an den Wochenenden. Ursprünglich wollten sie nur einige Jahre in Deutschland bleiben und etwas Geld ansparen, um dann wieder nach Spanien zu ziehen. Die Ausbildung ihrer Tochter war der Grund, warum sie in Deutschland geblieben sind. Als sich dem Ehepaar die Gelegenheit bot, für eine deutsche Firma in Spanien zu arbeiten, riet ihnen eine Lehrerin davon ab. Die Umstellung in einer spanischen Schule, so meinte die Lehrerin, wäre für die Tochter sehr schwer geworden.

Seit achtzehn Jahren ist Goy Torrecilla in der Kantine einer Versicherung beschäftigt. Sie ist dort zufrieden und versteht sich gut mit ihren deutschen Kolleginnen. Ihre deutschen Sprachkenntnisse haben sich seitdem wesentlich verbessert. "Bevor ich bei der Versicherung begonnen habe, hatte ich bei der Arbeit immer nur mit meinen Landsleuten zu tun. Wir haben den ganzen Tag in unserer Sprache geredet. So habe ich kaum ein deutsches Wort gelernt. Schon damals habe ich gedacht, dass es nicht gut ist, wenn wir Spanier nur unter uns bleiben."




Inzwischen ist Goy Torrecilla vierundsechzig und geht Anfang nächsten Jahres in den Ruhestand. Die vielen Jahre in Münster haben zwischen ihr und der Stadt eine heimatliche Bindung wachsen lassen, dennoch ist Spanien ihr Heimat geblieben.



Hochzeitsphoto von 1959 in
ihrem Geburtsort Casa-
larrena in Nordspanien


"Innerlich fühle ich mich hundertprozentig als Spanierin. Wenn ich dort meine Familie besuche, bin ich glücklich. Bei uns ist der Familienkreis sehr fest. Ich hatte immer Heimweh nach meinen Eltern, und meine Geschwister vermisse ich auch. Dennoch fühle ich mich auch als Münsteranerin. Das wird mir vor allem bewusst, wenn ich in Spanien bin. Als ich neulich bei meiner Schwester in Barcelona war, und im Radio über den Besuch des spanischen Königs in Münster berichtet wurde, konnte sich niemand vorstellen, wie sehr ich mich darüber gefreut habe."