Wasse Obeidullah
Afghanistan
"Afghanen verlassen ihr Land nur aufgrund von Krieg, sonst nicht."
Seine Kinder leben schon seit zwanzig Jahren in Deutschland, Wasse Obeidullah hat Afgha-nistan erst vor fünf Jahren verlassen. Der Bürgerkrieg hat ihn dazu gezwungen.

"Ich musste leider aus meinem Land gehen, weil es für mich lebensgefährlich wurde. Ich war zunächst einige Zeit in Pakistan, und von dort bin ich nach Deutschland gereist."

Haus und Vermögen musste Wasse Obeidullah in Kabul zurücklassen. Er war dort ein hoher Beamter im Innenministerium. Als Direktor leitete er das Planungspräsidium.

"Ich habe immer viel gearbeitet, Tag und Nacht. Vor allem als ich bei der Polizei war. Jetzt habe ich alles verloren."


1962 nach Beendigung seines Rechtswissen-
schaftsstudiums in Kabul







Wasse Obeidullah hat sich im Polizei- und Verwaltungsdienst Afghanistans hochgearbeitet. Nach dem Besuch eines Gymnasiums, an welchem auch deutsche Lehrer unterrichteten, hat er in seiner Geburtsstadt Kabul Rechtswissenschaft studiert. Er war dann als Beamter im Innenministerum tätig, das von deutschen Beratern unterstützt wurde. Über eine Assistentenstelle bei einem von ihnen ergab sich die Möglichkeit einer Fortbildung in Deutschland. Von Januar 1965 bis August 1966 arbeitete er auf Einladung des Innenministeriums Nordrhein-Westfalen in verschiedenen Behörden. 1969 absolvierte er nochmals eine viermonatige Fortbildung in Deutschland. Später hatte er u. a. eine leitende Position an der Polizeiführungsakademie in Kabul.

Wasse Obeidullah entschied sich vorerst in Deutschland zu leben, weil er das Land kannte, und seine Kinder in Münster und Dortmund studieren und erwerbstätig sind. An einen arbeitsreichen Alltag und leitende Funktionen gewöhnt, suchte er schnell eine neue Stelle. Trotz zahlreicher Bewerbungen blieb er erfolglos.

"Wahrscheinlich habe ich wegen meines Alters, ich bin jetzt zweiundsechzig Jahre alt, nur Absagen erhalten. Damit ich nicht gänzlich ohne Beschäftigung bin, habe ich mich beim Arbeitskreis International e.V. und der Gemeinnützigen Gesellschaft zur Unterstützung Asylsuchender e.V. engagiert. Ich helfe dort Asylanten, unterrichte gelegentlich Deutsch und dolmetsche. Dieser ehrenamtlichen Tätigkeit gehe ich heute noch nach. Gerne hätte Wasse Obeidullah in Deutschland gearbeitet. Nun erhält er Sozialhilfe und lebt mit seiner Frau in einer kleinen Wohnung. Seine Kinder sieht er regelmäßig. Bei der Ankunft des Ehepaares haben sie Vieles organisiert und kümmern sich noch heute um sie. Wasse Obeidullah hat sie 1994 zum ersten Mal nach fünfzehn Jahren wiedergesehen.

"Meine Kinder haben immer wieder geschrieben, dass meine Frau und ich auch nach Deutschland kommen sollen. Sie sind damals ausgereist, weil es mit den Kommunisten Krieg gab. Das war für unsere Familie nicht ungefährlich.Aber ich wollte lieber in meinem Land leben. Einer meiner Söhne hat mittlerweile die deutsche Staatsangehörigkeit. Ich muss alle zwei Jahre ein neues Visum beantragen."

Nur langsam hat sich Wasse Obeidullah bisher einen kleinen Bekanntenkreis aufbauen können. Er hat einige afghanische und deutsche Bekannte und Freunde. Manchmal setzt er sich in die Bücherei, um zu lesen. Ein- bis zweimal in der Woche besucht er eine türkische Moschee um zu beten.




Sobald in Afghanistan Frieden und demokratische Verhältnisse herrschen, möchte er wieder dorthin. Er hofft, seinen Lebensabend nicht in Deutschland verbringen zu müssen. "Wenn man Gast ist, soll man nicht klagen. Daher gebe ich mich mit meiner Situation zufrieden. Aber Afghanistan ist mein Vaterland. Ich habe oft Heimweh und denke über mein Land nach."



Wasse Obeidullah im Büro des
Arbeitskreis International